Einsatz an der Westfront 1915/1916

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wurde Emil Ende September 1915 ins Feld gesandt. Jeden Tag verließen lange Transportzüge die Bahnhöfe der Städte in Deutschland. Immer mehr Soldaten und Material wurden in die zermürbenden Kämpfe in Ost und West geworfen. Spätestens wenn der Zug den Bahnhof verließ beschlich jeden Einzelenen von ihnen ein flaues Gefühl im Magen und jeder fragte sich was nun wohl kommen möge. In einem Brief an seine Freundin Elise erzählte Emil von seinem Ausmarsch ins Feld.

Ansichtskarte der Kaserne in Ulm. (Nachlass Rauch)
Ansichtskarte der Kaserne in Ulm. (Nachlass Rauch)

FELDPOSTBRIEF an Elise 10.10.1915

 Liebe Elise!

 

 

Ich will nun mal näheres über meinen Aufenthalt mitteilen. Du wirst dich vielleicht noch erinnern, daß ich dir von Ulm aus eine Karte sandte mit dem Vermerk, daß ich bald in Saaturlaub fahre "doch mit des Geschickes Mächten, ist kein ewiger Bund zu flechten!" Ich hatte mich kollossal getäuscht, denn auf einmal hieß die Parole "morgen marschieren wir Frankreich zu!" und so konnte ich dir nur noch mit einem kurzen Gruß aus der alten teuren Heimat "Lebe wohl!" sagen. Also am 24. September marschierten wir in Ulm ab und goldig schien die Sonne, als die Musik uns zum Abschied auf dem Bahnhof begleitete und manches Mädchen stand mit trüben Augen am Wege als gar so schöne Melodien wie: "Muß i denn", "Weh daß wir scheiden müßen" usw. erklangen und viele junge Soldaten  von ihrer Heimat Abschied nahmen um ins Welschland zu reisen und an der Seite der Kameraden zu Kämpfen die schon so lange der alten Heimat "ade" sagten. So ging die Fahrt über Plochingen, Heilbronn durch das schöne Neckartal, durch Lothringen, Luxemburg, Belgien und hinein nach Frankreich. In Luxemburg bekamen wir etwas zum essen und da sah ich auch mehrere Bekannte, welche vom Regiment 124 auch mit gekommen waren. 

Ansichtskarte vom Überschreiten der Landesgrenze. (Nachlass Rauch)
Ansichtskarte vom Überschreiten der Landesgrenze. (Nachlass Rauch)

Natürlich konnte man da auf der langen Fahrt vieles sehen. Im schönen Neckartal hingen die Reben voll Trauben und ladeten den Wanderer ein halt zu machen. In Lothringen waren die Bergwerke sehenswert und nur zu schnell war der Zug über die Landesgrenze und überall sah man Kriegsspuren. Hier fuhr der Zug über eine vom Feind zerstörte und von Pionieren wieder erbaute Brücke und ganz am Damm ein Grab mit der Aufschrift "Hier ruhen 5 tapfere Krieger" und die Wache, stehende Landstrürmer nahmen die Zigarre aus dem Mund um den jungen Kriegern noch einen Gruß mitzusenden. Im Wiesentale erregten die Granatlöcher Bewunderung und oben am Waldrand wieder einige Gräber. In Belgien sind die Ortschaften meist ganz zusammen geschossen und manchen harten Kampf muß es gekostet haben bis der Gegner geschlagen war. Wir sind hier in einer kleinen Stadt einquartiert welche sehr unter dem Kriege gelitten hat, doch sind in der Nähe überall Heldengräber. Heute halten wir das Geburtsfest s.M. der Königin und alle Häuser der Stadt sind bekränzt, wie da die Franzosen die Ohren spitzten. Am Morgen war feierlicher Kirchgang und wenn auch ein Pastor die Sache leitete und evangelischer Gottesdienst gehalten wurde, so horchten doch alle auf den Prediger und mancher Leichtsinnige in der Heimat hätte sich da ein Beispiel nehmen können, denn hier bekommt der Mensch ganz andere Gedanken. Vom Land und Leuten könnte ich gar vieles schreiben wenn nur die Zeit nicht so knapp wäre. Die Einwohner der Stadt sind meist arm, denn die reichen sind längst fort über alle Berge und ihre Häuser sind eine willkommene Stätte für uns Soldaten.

 In einem solchen Hause bin ich auch. Küchen haben sie keine und gekocht wird in der Stube und wenn auch kein Tisch und Stuhl mehr da war als wir kamen so haben wir doch solche gezimmert und manchmal ist es da auch ganz lustig, zumal wenn gerade Feldpost eintrifft und ein Kärtchen erzählt von Lieb und Treu, aber am schönsten wäre es schon da wo die Sonne auf geht in einem gar lieben Tale das seinen Namen nicht vom Kriege erhalten hat und hier sieht man das der, der es "Friedbachtal" taufte den rechten Namen erwischte, denn gar friedlich plätschert der Bach durch das Tal vorbei an einem Ort wo ich so gern ach gar so gern wäre und wo ich als Kind schon gespielt und groß geworden bin und der Dichter hat recht wenn er sagt: "Ist's auch schön im fernen Land, doch zur Heimat wird es nie!"

 

Liebe Elise!

Angefangen hatte ich diesen Brief Sonntag und jetzt ist es schon Mittwoch ohne fertig zu sein, Du siehst also daß ich nachholen muß mit schreiben, wenn ich dich, teuerste nicht noch länger warten lassen will. Zum Schluss will ich dir noch kurz danken, für die 2 Karten und das Briefchen im Paket. Mit der gleichen Post erhielt ich auch ein Paket von daheim und ein Brief von Bruder Otto. 1 Stunde später teilte man die Festpakete aus. Was da nicht alles drin war! Das meine fiel gut aus, es war von Anna Koch, Trossingen und ein schöner Spruch begleitete es, er lautete: "Wenn 1000 fallen zu der Seite und 1000 zu deiner Rechten, so wird es doch Dich nicht treffen."

In der Hoffnung, daß sich dieser Wunsch erfüllen möge, grüßt dich Dein treuer

 

Emil

 

Die Schrift wirst du mir verzeiehen, wenn du weißt, daß ich auf der hohlen Hand schreibe. N.B. Die Blumen am Helm sind die, welche Du mir damals sandest und die in der Hand von meiner Schwester Anna. Gruß dein Emil. 

Ausmarschbild von Emil Rauch 1915.
Ausmarschbild von Emil Rauch 1915.

 

 

 

 

Das gezeigte Portrait schickte er mit diesem Brief an Elise. Solche, unter Sammlern "Ausmarschbilder" genannten Portraits, wurden fast von jedem Soldaten beim Verlassen der Heimat aufgenommen. Freunde und Familie schmückten die Soldaten oft mit kleinen Blumensträußen als letzte Liebesgaben aus der Heimat. Am Helm kann man den im Brief erwähnten Blumenstrauß von Elise sowie die Regimentsnummer 127 erkennen. In der Hand hält er den Strauß von seiner Schwester Anna. Im Felde angekommen blieb Emil vorerst hinter der Front im Rekrutendepot der 27. Infanterie Division um seine Ausbildung abzuschließen. Am 29.11.1915 versetzte man ihn zur 1. Kompanie des IR 127. Die Kompanie kämpfte in den Stellungskämpfen im Argonner-Wald bis zum Heiligabend 1915. Am Weihnachtsabend ging es Emil schlecht. Er erzählte seiner Familie von seinem Weihnachten im Feld in einem Brief vom Januar 1916.

FELDPOSTBRIEF, 25. Januar 1916 an die Familie 

 

Geschrieben , 25. Januar 1916

 

Liebe Eltern und Geschwister!

 

Will nun mit dem versprochenen Briefe nicht länger zögern und euch einmal etwas mehr von meiner Krankheit schreiben. Schon längere Zeit, ja schon vor ich nach Frankreich kam, spürte ich, dass in meinem Bauche etwas nicht ganz richtig war, doch ich gab dem Ding keine Acht. Die Sache wurde jedoch immer ärger und wenn ein größerer Marsch war, da war ich nachher immer todmüde und dann mußte ich mich immer niederlegen, bis es wieder besser kam. So war es z.B. auch über Weihnachten. Wir waren in einer Stadt einquartiert. Wir waren in einem Heustock gut untergebracht. Am Hl. Abend hatten die Kameraden ein Tannenbäumchen an einem Balken befestigt und mit Liebesgaben behängt und am heiligen Abend war Christbaumfeier. Da ging es heiter her und immer sangen zwei Parteien zugleicher Zeit z.B. die einen: "Stille Nacht" und die anderen: "Nach der Heimat möcht ich wieder." Mich kümmerte dieses wenig und schon mittags 4 Uhr ging ich ins Bett oder richtig ins Heu, nach dem Nachtessen fragte ich nicht, ich hatte auch keinen Apetit. Als es aber lustig wurde, da wollten sie mich holen, ich sollte auch mit singen. Doch ich war nicht zu bewegen, denn in meinem Kopfe hämmerte es und mir war es nicht ums Singen und mit den Worten: "Du kranke Henn!" ließen sie mich liegen. Am anderen Morgen stand ich früh auf (es war mir besser) und ging in die Frühkirche. So ein Bett ist eigentlich ganz praktisch man braucht nur aufzustehen und die in die Stiefel zu schlüpfen und der Mann ist fertig zum gehen. 

Am Weihnachtstag schrieb ich euch: "Es geht mir gut!" Was sollte ich schreiben, das es mir schlecht gehe und euch Kummer machen? Nein das wollte ich nicht, doch das Unvermeintliche kam doch. Am 3. und 4. Januar war es mir gar nicht wohl. Am 5. hatten wir schon in der Frühe einen größeren Marsch. Da hatte es mich gepackt. Den ganzen Tag konnte ich nichts essen und mußte mich immer brechen. Den ganzen Tag konnte ich nicht aufstehen und des Nachts konnte ich nicht schlafen. Am anderen Morgen, es war Dreikönigsfest, meldete ich mich krank.

Im Revier wurde ich vom Arzt untersucht und sofort war es klar ich hatte Blinddarmentzündung. Sofort kam ich mit dem San.-Auto hierher ins Lazaret. Ich wurde nochmals untersucht, doch leider blieb es dabei. Ich wurde noch am gleichen Tag operiert und während Ihr in der Nachmittagsandacht waret, wurde ich operiert, denn hier fragt niemand nach einem Sonn- oder Feiertag. Ich spürte ja nicht viel. Als ich auf dem Operationstisch lag war ich im Nu an Händen und Füßen gebunden und schon nach einigen Minuten war ich, gern oder ungern feste eingeschnürt und ich wußte nichts mehr von der Welt.

 

Die zweite Seite dieses Briefes fehlt leider. Emil wurde in einem Lazarett hinter der Front behandelt und erholte sich langsam von seiner Operation, bis ihm eine erneute Erkrankung zu schaffen machte. Das Leben im Feld, seine Vorerkrankung und die gesamten Lebensumstände im Krieg hatten seine Gesundheit geschwächt. In dieser Zeit schrieb er eine einen Brief an seine Eltern in dem er von seinem Lazarettaufenthalt berichtet.

 

FELDPOSTBRIEF an die Eltern vom 23.02.1916

 

Gent, 23. Februar 1916

 

Liebe Eltern!

Leider muß ich diesen Brief wieder im Bett schreiben. Nun ich will euch jetzt den Sachverhalt schreiben. Am 13 Februar durfte ich das 1. Mal aufstehen, doch ich hielt es nicht lange aus, denn sitzen konnte ich nicht gut und die Füße waren zu schwach um mit dem "Herrn" spazieren zu gehen. Doch schon am nächsten Tag ging es bedeutend besser und ich konnte mit Joh. Reck schon in den Garten gehen, um 7 Englische und 3 deutsche Flieger zu beobachten. Am 16. wurde ich entlassen zur Leichtkranken Abteilung Gent. In Gent kam ich Nachts 1 Uhr an. Am anderen Tag wurde ich nochmals untersucht und kam zur Genesenden-Abteilung. Die Genesenden-Abteilung ist ungefähr wie das Ersatz-Bataillon nur das es nicht so viel Dienst gibt. Am 26. Februar sollte ich wieder zum Arzt. Es kam jedoch etwas dazwischen. Am 19. Abends als wir vom Dienst heim gingen, regnete es leicht. Das konnte ich jedoch nicht vertragen. Am anderen Tag mußte ich liegen bleiben und ich konnte nur noch Kaffee trinken, denn der Hals war wie zugeschnürt. Am Montag den 21. ging ich zum Arzt, ich wurde untersucht, das Thermometer zeigte Fieber und ich bekam meinen Laufpaß mit dem Vermerk: "Zur Leichtkranken-Abteilung entlaßen", Grund "Mandelentzündung".

Hier muß ich den ganzen Tag im Bett bleiben. Ich bekomme nichts als Morgens und Abends kalte Umschläge, doch die Krankheit hat sich schon bedeutend gebessert und hoffentlich kommt keine 3. Entzündung dazu. 

 

In der Hoffnung auf recht baldiges Wiedersehen grüßt euch euer dankbarer Sohn und Bruder

Emil

Am 26. März 1916 konnte Emil das Lazarett verlassen. Sein Regiment lag seit Januar 1916 vor Ypern in Belgien. Die dortigen Stellungskämpfe waren heftig und verlustreich und steigerten sich im Zeitraum vom 2. bis zum 13. Juni noch einmal als die Kämpfe um die Doppelhöhe 60 eskalierten. Im Zeitraum von März bis Mai ist keine Feldpost vorhanden. Erst im Juni schrieb Emil wieder nach Hause. Er behauptet zwar, dass es ihm gut gehe, doch was er in seinen Briefen berichtete, spricht eher dafür das er gerade so mit dem Leben davon gekommen war. Viele Bekannte aus seiner Heimatgemeinde waren verwundet oder gefallen. 

FELDPOSTKARTE an die Eltern vom 11. Juni 1916

 

Liebe Eltern und Geschwister!

 

Es geht mir, so wie allen Bekannten immer noch gut, was ich von Euch allen auch hoffe. Hoffentlich könnt ihr besser Pfingsten feiern als ich.

Auf Wiedersehen grüßt auch alle Euer 

Emil

FELDPOSTBRIEF an die Eltern vom 19. Juni 1916

 

Meine Lieben!

 

Will Euch nun den versprochenen Brief senden. Wir hatten keine schönen Pfingsten. Vielleicht habt Ihr es erfahren was los war. Gottlob das alles vorüber ist. Beide Dreher sind verwundet. Der Junge auf der Karte ist ein Bruder vom Dreher. Kugler Fridl erhielt eine Schrappnellkugel in die Finger. Sonst ist die ganze Göge mit heiler Haut davon gekommen, wenn es auch einige zudeckte. Neben mir (kaum 2 Meter deckte es auch einen Unterstand zu Müller, Klotz und Kugler saßen darin, ich war eben rausgekrabelt. Zum Geburtstag wünsche ich dem Vater alles Gute. Der Heiland möge eure Taten segnen und euch noch recht viele und frohe ungetrübte Tage erleben laßen und nach diesem Dasein in die ewige Heiligkeit aufnehmen.

 

Auf ein baldiges Wiedersehen der ganzen Familie in der Heimat hoffentlich grüßt euch euer stets dankbarer Emil!

N.B.: Die 15 Mark habe ich mit Dank erhalten. 

Feldpostkarte mit Post und Einheitsstempel. (Nachlass Rauch)
Feldpostkarte mit Post und Einheitsstempel. (Nachlass Rauch)

 

 

FELDPOSTKARTE vom 20. Juli 1916 an die Eltern

 

Liebe Eltern und Geschwister!

 

Der Brief von Vater mit 3 Mark habe ich erhalten. Ebenso 2 Pakete mit Butter und Käse. Für alles besten Dank. Auf Wiedersehen!

 

Euer Emil Rauch

 

FELDPOSTBRIEF an die Eltern vom 06.07.1916

 

Wawick (?), 6. Juli 1916

 

Liebe Eltern!

 

Will nun einmal wieder schreiben was mir beliebt und hoffe, daß er Euch gesund antrifft.

Mit der Gesundheit geht es besser und am Leben bin ich auch noch und "Für heute Brot, für Heute Licht, für heute Kraft, mehr brauch ich nicht!" Es ist jetzt wieder etwas ruhiger. Wir liegen auf Höhe 59 an der Bahn Comines-Ypern. Am Ostermontag gab es eine große Schießerei doch ohne Zweck. Über die Stürmerei waren wir auf Höhe 60. Das Reserve Regiment 11 hatte uns abgelöst. Natürlich mußten da die Schwaben helfen stürmen und den Schädel hinhalten und die Preußen hatten unsere schöne Stellung zu behaupten, anstatt daß die, welche schon lang Ruhe hatten, da geholfen hätten. Achso, die 120er stürmten und kamen auch über die englische Stellung hinaus und es ging alles gut. In diese Stellung kamen wir. Das ließen die Engländer aber nicht zu. Sie fingen mit der Artillerie an zu schießen, daß einem hören und sehen verging. Unterstände und dergleichen waren natürlich nicht da doch wir fingen an Löcher zu graben wie die Mäuse. Am Pfingstsamstagmorgen 8 Uhr wurden wir abgelöst. Kurz vorher traf noch "eine" den Unterstand. Ich war 1m links davon auf Posten. 2 Mann sanken neben mir tot um. Der Unterstand fiel halb ein, doch war keiner darin verwundet, nur einem schlug ein splitter die Gasmaske zusammen. Das Artilleriefeuer dauerte immer fort und erreichte am Dienstag morgen die höchste Höhe, als die Engländer ihre Stellung wieder hohlten. Wir mußten im Sperrfeuer vorgehen und die alte Stellung halten. Die Engländer und wir sind nun wieder in der alten Stellung. Das Stürmen geht eben schon, aber bei den Schrapnellgranaten, Gasangriffen, elektrisch geladenen Drahthindernissen usw. die Stellung halten, ist ein Ding der Unmöglichkeit, so gut, wie wenn die Engländer uns zurücktreiben wollten. Mit dem Stürmen haben wir nichts bezweckt, als eine unmasse Tote und die alte Stellung (ganz zusammengeschossen). Jetzt sind wir wieder in der alten Stellung, auf Höhe 59 und die Preußen sind wieder in Ruhe und erzählen von den Taten vor Ypern. Am 1. des Monats hatte ich wieder Glück. Abends 8 Uhr kam ich auf Posten. Kaum stand ich 2 Minuten, da hörte ich einen Schlag, ich glaubte es wäre ein Blindgänger etwa 5 m neben mir, direkt vor der Stellung. Da ein Krach und ich wurde mit Boden überschüttet. Es war eine Mine mit Verzögerung, eine Zweite und Dritte folgten kurz hintereinander ins gleiche Loch, jetzt erst sauste ich davon, als eine vierte in den Graben sauste. Kaum war ich 10m weit, da ein Krach. Das Handgranatendepot das neben (1m) mir war, war getroffen und 300 Handgranaten und 20000 Patronen krachten auf einen Schlag. Von dem Platz, wo ich noch vor 2 Sekunden.

 

ZWEITE SEITE FEHLT

Ende Juli 1916 wurde das IR 127 vor Ypern abgelöst und nach Frankreich an die Somme transportiert. Dort braute sich eine der größten Schlachten des Ersten Weltkriegs zusammen. Die Schlacht an der Somme, bei der Britische Truppen versuchten die Deutschen Linien zu durchbrechen, um mit diesem Großangriff die bedrängten französischen Truppen vor Verdun zu entlasten. Wenn Emil schrieb, dass er eine etwas schwierige Stellung hat, dann klingt dies doch sehr gelinde denn er befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer der schlimmsten des ganzen Krieges. In seinen Briefen versuchte er das erlebte in Worte zu fassen. Leider sind auch hier Seiten teilweise nicht mehr erhalten.

 

FELDPOSTBRIEF vom 07. August 1916 an Elise

 

Liebe Elise!

 

Wir haben wirklich eine etwas schwierige Stellung. Brauchst aber deshalb keine Angst haben, es wird schon wieder besser kommen, oder vielleicht geht der Krieg zu Ende. Am 2. August Abends fiel unser Kamerad und Landsmann Remensberger von Bremen. Die Nacht vorher trafen ich und Alfons den Remensberger bei einer Patrouille. Geschwind woher und wohin, ein Händedruck und weiter gingen wir wieder. Remensberger und sein Führer lagen den anderen Tag in einem Granatloch, mußten jedoch wegen dem Feuer bei Tag zurück und da erhielt Remensberger einen Schuss in den Bauch. Am 3. August abends lagen wir alle beisammen in einem niederen Graben. Schrapnell blitzte und Granaten krachten. Da ein Krach und wir wurden mit Boden überschüttet. 3 Mann waren verwundet, darunter Haller und Müller Alfons. Müller Alfons ist am Kopf, Bauch, Arm und Fuß verwundet, jedoch nicht lebensgefährlich. Haller Karl am Arm. 

Das nächste Mal dann mehr!

Auf Wiedersehen

Dein Emil

FELDPOSTKARTE vom 11. August 1916 an die Eltern

 

Meine Lieben!

Mir, Reck und Rothmund geht es Gott sei Dank gut, Remensberger von Bremen ist gefallen. Müller Alfons und Haller Karl sind verwundet.

Auf Wiedersehen Euer Emil

(Rothmund traf gestern Bruder Otto)

Nach nur knapp zwei Wochen an der Somme verließ Emil sein Glück, wie so viele Kameraden vor ihm. Am 13. August wurde er südlich von Huillemont verwundet. Eine Granate war vor dem Schützengraben eingeschlagen und hatte diesem zum Einsturtz gebracht. Emil wurde verschüttet und dabei sein linker Fuß gequetscht. Aus dem Lazarett in St. Quentin schrieb er noch am gleichen Tag an seine Elise.

 

FELDPOSTBRIEF an Elise Röck FPnr. 45b, gestempelt am 14.08.16

Absender: Musketier Rauch, Emil IR 1/127 z.Zt. Kriegslazarett 17 Arfolinat, Haus 2 / Saal 3 in St. Quentin (Frankreich II. Armee) 

 

St. Quentin, 13.08.1916

 

Wir haben Belgien den Rücken gekehrt, um an der großen Sommeschlacht teilzunehmen. Noch nie habe ich die Kriegsgreul so empfunden wie hier. Die Toten (Freund und Feind) liegen umher und verpesten die Luft. Gestern hatte ich Glück im Unglück. Der Graben rutschte ein und deckte mich zu. Die Kameraden gruben mich heraus und trugen mich 1 1/2 Stunden weit zur Verbandstelle. Der Knöchel am linken Fuß ist entzwei. Gottlob und Dank bin ich dem Krieg eine Zeit lang entronnen.

Schreiben brauchst Du nicht, da ich bald wieder weiter komme, hoffentlich nach Deutschland.

"Im Nest" grüßt Dich    Dein Emil

Damit hatte er seinen ersten Einsatz an der Westfront überlebt. Sein Wunsch ging in Erfüllung, zur Heilung wurde er in die Heimat gebracht. Bereits am 16. August kam er in einem Reserve Lazarett in Hann. Münden an.