Weihnachten 1915 im Feldspital Soča

Bei meiner Recherche in den Österreichischen Zeitungsarchiven fand ich in den "Mühlviertler Nachrichten" vom 28. Dezember 1934 einen interessanten Erlebnisbericht eines ehemaligen Soldaten des K.k. Landwehr Infanterie Regiments Nr. 2 (LIR 2), welcher den Heiligen Abend 1915 im Feldspital Soča verbrachte. Mit seinen Worten schildert er uns seine Eindrücke der Weihnachtszeit 1915 an der oberen Isonzofront. Während der Weihnachtsabend für ihn in Ruhe und Andacht verging, kämpften seine Kameraden in der Heiligen Nacht nach einem Lawinenabgang am Vrsič um das nackte Überleben. Dieses traurige Weihnachtsereignis wird zum Thema eines anderen Artikels werden. Das Gebäude des Feldspitals Soča sowie der zugehörige Lazarettfriedhof sind noch erhalten und laden zu einem Besuch ein

Der Originaltitel des Zeitungsartikels. Quelle: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=mvn&datum=19341228&seite=11&zoom=33&query=%22javorcek%22&ref=anno-search
Der Originaltitel des Zeitungsartikels. Quelle: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=mvn&datum=19341228&seite=11&zoom=33&query=%22javorcek%22&ref=anno-search

"Es war anfangs Dezember 1915. Ich diente bei der 11. Feldkompagnie des damaligen Landwehr-Infanterie-Regimentes Nr. 2, den späteren Zweierschützen. Die

 

Kompagnie war vorübergehend beim Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 21 eingeteilt und hatte in der Nähe des Vrsič Stellungen bezogen. Bei einem nächtlichen Patrouillengang stürzte ich in der Finsternis über einen Stein und verletzte mich am Schienbein. Ich achtete die anfangs geringfügige Verletzung nicht. Wir hatten in den Stellungen kein Wasser und es haperte daher an der Reinlichkeit recht sehr. So kam es, daß sich die Verletzung derart verschlechterte, daß ich gezwungen war, den Hilfsplatz aufzusuchen. Von dort schickten sie mich in das nächste Feldspital, in die Brigade-Sanitäts-Anstalt in Soča. Der Weg dorthin führte vom Hilfsplatz über die Reservestellung auf der Golobar Planina, die meine Kompagnie inzwischen bezogen hatte. So konnte ich noch von meinen Kameraden Abschied nehmen. „Hast du eine Sau, jetzt kannst gar ins Spital gehn!" sagte der eine von ihnen. "Und grad jetzt vor Weihnachten!", ergänzte ein anderer. „Im Spital kriegst eh alles, was du brauchst!" Unter diesem Hinweis wurden mir, die von jedem Frontsoldaten als Kostbarkeiten gehüteten Bestände an Zigaretten, Kerzen und Schokolade lachend abverlangt und von mir bereitwillig an die Kameraden verteilt. Dann machte ich mich auf den Weg. Ein mehr als vierstündiger Marsch lag vor mir. Für einen Fußmaroden wahrlich keine Kleinigkeit. Nach mühseligem Abstieg hatte ich endlich das Isonzotal erreicht und humpelte nun an der

von Flitsch kommenden Straße gegen Soča. Die frühe Dezembernacht war längst hereingebrochen. In den Stellungen in den Bergen stieg hie und da eine

Leuchtrakete auf, manchmal grollte ein Schuß. Der Isonzo, der zu meiner Rechten abwärts floß, erfüllte die Nacht mit seinem Rauschen. Endlich, endlich erreichte ich mit noch zwei Maroden, die sich ans der Straße zu mir gesellt hatten, das Spital. Das erste, was dort mit mir geschah, war, daß sie mich in ein warmes Bad steckten. Ein warmes Bad! Man muß Monate hindurch ununterbrochen in Uniform und Schuhen gesteckt und von Schmutz und Ungeziefer gepeinigt

worden sein, um ein solches voll würdigen zu können. Nach­ dem sie mir den Kopf noch ratzekahl geschoren hatten und meine entlausten Habseligkeiten in einem Bündel verstaut worden waren, bezog ich am nächsten Morgen, mit frischer Wäsche angetan, mit Brotsack und Menageschale bewaffnet, einen Strohsack in der zweiten Etage einer großen Pritsche, die für zwölf Mann, sechs in jeder Etage, Platz bot. Nur schwerere Fälle hatten eine eigene Bettstelle. Zu diesen gehörte ich nun, Gott sei Dank, nicht. Die Heilung meines Fußes machte vielmehr in den nächsten Tagen unter sach­gemäßer Behandlung und Pflege so rasche Fortschritte, daß ich befürchtete, so wenig heldenhaft dies auch klingen mag, noch vor Weihnachten das Spital wieder verlassen zu müs­sen und zu meiner Kompagnie zurückgeschickt zu werden, von der ich vor kaum vierzehn Tagen so großartig Abschied genommen hatte. Wer das Wort vom „Tausendguldenschuß" versteht wird auch verstehen, was mich bewegte. Der Arzt aber, der das Spital leitete— ich vermag seinen Rang nicht mehr anzugeben, hatte ein gütiges Herz.

Unmittelbar vor Weihnachten schickte er keinen der Geheilten an die Front. Da aber von dort täglich Zuzug kam, war das Spital am Weihnachtsabend gesteckt voll. Eine hohe Tanne hatte man aufgestellt, die im Glanze vieler brennender Kerzen erstrahlte. Der Brigadier war ge­kommen und hielt angesichts des Lichterbaumes eine An­sprache. Aber er konnte mit seiner Rede den Weg zu un­seren Herzen nicht finden. Er sprach von der möglichen noch längeren Dauer des Krieges. Und wir, die wir in den Betten und auf den Pritschen lagen, ersehnten den Frie­den! Als dann aber das wundersam innige Weihnachts­lied „Stille Nacht, heilige Nacht" aufklang, da begannen die Augen von vielen feucht zu schimmern und die Stimme mancher Mitsingenden wurde rau und heiser vor verhaltener Erregung. Heimweh zitterte in jedem Herz und eine Welle von Sehnsucht flutete durch den Raum. Mit leisem Knistern brannten die Kerzen des Weihachtsbaumes...

Aus dem Hinterland waren Liebesgaben in reichem Maße gekommen und die Pflegeschwestern gingen von Bett zu Bett, von Pritsche zu Pritsche und verteilten sie. Bäckereien, Schokolade, Zigaretten und gestrickte Wollsachen. Schwester Emma reichte mir einen prächtigen blauen Wollsweater auf die Pritsche herauf. Wir Oberösterreicher­ hielten als Gruß unseres Heimatlandes ein hübsches Email­abzeichen für die Kappe, das das oberösterreichische Wappen trug. Ein guter Rumtee hob die Stimmung wesentlich. Auch mit der Verpflegung legte sich die Spitalsverwaltung am Weihnachtsabend und am folgenden Festtag Ehre ein.

Am Stephanstag rückte ich wieder bei meiner Kom­pagnie ein, die wenige Tage später am Javorcek Stel­lungen bezog. Die Tage im Spital, insbesondere das Weihnachtsfest dort, lagen wie ein schöner Traum hinter mir. Nur der blaue Mollsweater war nur geblieben. Er leistete mir in den folgenden Wintermonaten gute Dienste."

Exkurs: Kappenabzeichen anlässlich der Weihnacht im Felde

 

In der Österreich-Ungarischen Armee waren sogenannte Kappenabzeichen sehr beliebt. Dabei handelte es sich um kleine Abzeichen welche Motive zu einer bestimmten Thematik in Verbindung mit der Armee und dem Krieg zeigten. Diese konnte der Soldat an seiner Feldkappe tragen. Das Tragen der Abzeichen war zwar nicht offiziell erlaubt aber geduldet. Es gab eine Vielzahl von unterschiedlichen Herstellern und auch eine unüberblickbare Anzahl an verschiedenen Motiven. Zu Anlässen wie der Weihnacht im Felde wurden auch Abzeichen als Liebesgaben von der Österreich-Ungarischen Kriegsfürsorge hergestellt und verteilt. Aber auch einzelne Armeen, Regimenter und kleinere Einheiten ließen ihre eigenen Abzeichen anfertigen. An Weihnachten wurden jene Abzeichen dann an alle Soldaten verschenkt bzw. konnten sie die Soldaten auch käuflich erwerben. Diese Kappenabzeichen erfreuen sich heute großer Beliebtheit unter Sammlern. Abzeichen mit Weihnachtsbezug sind generell nicht so selten wie andere Abzeichen, da sie in großen Stückzahlen an die Soldaten verteilt wurden. Im Gegensatz dazu wurden Regiments- oder Bataillonsabzeichen nicht zwangsläufig auch von jedem Soldaten des Regiments oder Bataillons gekauft und sind daher seltener erhalten geblieben.

 

 

Quelle: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=mvn&datum=19341228&seite=11&zoom=33&query=%22javorcek%22&ref=anno-search