Schütze Emil Rauch und die 12. Isonzoschlacht

Die Erkennungsmarke des Schützen Rauch (Frontfertigung 1918). Sammlung Isonzofront.de
Die Erkennungsmarke des Schützen Rauch (Frontfertigung 1918). Sammlung Isonzofront.de

Im Jahr 2019 war es mir möglich den militärischen Nachlass des Gebirgsschützen Emil Rauch zu erwerben. Er stellt in sofern eine Besonderheit dar, dass er recht umfangreich erhalten ist und zum mindest Fragmente seiner Korrespondenz enthält. Nachdem dieser Nachlass nun mehr als 100 Jahre auf einem Dachboden die Zeit überdauert hat, möchte ich versuchen ihm wieder Leben einzuhauchen und seine Geschichte erzählen. Der Fokus soll dabei auf seinen eigenen Erlebnissen liegen, die er in seinen Feldpostbriefen schildert. Den genauen Verlauf der Kämpfe kann der Interessierte der Regimentsgeschichte der Württembergischen Gebirgsschützen und den im Text genannten Büchern entnehmen.

Schütze Emil Rauch während seiner Ausbildungszeit in Isny. Sammlung Isonzofront.de
Schütze Emil Rauch während seiner Ausbildungszeit in Isny. Sammlung Isonzofront.de

Emil Rauch wurde am 27.01.1895 in Ölkofen in der Gemeinde Hohentengen, welches im Königreich Württemberg lag, geboren. Seine Eltern Johann und Maren Rauch lebten und stammten aus Ölkofen. Er hatte zwei Brüder die beide im Ersten Weltkrieg kämpften und eine Schwester. Sie waren Besitzer einer Mühle und so war es selbstverständlich, dass auch Emil nach seiner Schulzeit den Beruf des Müllers erlernte. Mehr lässt sich über sein ziviles Leben leider nicht in Erfahrung bringen, die Informationen entstammen seiner Stammrolle welche sozusagen seine militärische Personalakte ist. Im Mai 1915 begann für Emil der Erste Weltkrieg. Er wurde zum Infanterie Regiment 127 eingezogen und kämpfte mit diesem an der Westfront in den Agonnen, in Flandern und an der Somme. Dabei wurde er mehrfach verwundet und nach einer Fußquetschung zur Genesung in die Heimat gebracht. Im Anschluss versetzte man ihn zum Ersatz-Bataillon des Württembergischen Gebirgsbataillons. Dort erhielt er 1916/1917 in Isny im Allgäu seine Ausbildung im Gebirgskrieg.

 

Pünktlich zum Aufmarsch für die 12. Isonzoschlacht wurden die Kompanien des Württembergischen Gebirgsbataillons (im folgenden W.G.B.)  mit neuen Soldaten aufgefüllt.  So war auch für Emil die ruhige Zeit beim Ersatz-Bataillon des W.G.B. vorbei.

Emil Rauch als Gebirgsschütze in voller Ausrüstung, mit Gasmaske, Patronenbandoulier und Gebirgsstock. Sammlung Isonzofront.de
Emil Rauch als Gebirgsschütze in voller Ausrüstung, mit Gasmaske, Patronenbandoulier und Gebirgsstock. Sammlung Isonzofront.de

Am 13. Oktober 1917 wurde er zum aktiven Bataillon ins Feld gesandt. Nach einigen Tagen der letzten Vorbereitungen in Kärnten und im Etappengebiet der Isonzofront wurde Emil der 2. Kompanie des W.G.B. zugeteilt. Die langen Märsche aus dem Hinterland an die Front, welche wegen der Geheimhaltung nur Nachts durchgeführt werden konnten, forderten viel von den Soldaten. Zudem regnete es im Oktober 1917 fast ununterbrochen, die Straßen zur Front waren restlos verstopft. Über die wenigen Wege zur Front marschierte eine ganze Armee auf. Die Schützen wichen oft auf schmale Pfade und Saumwege aus, die durch den anhaltenden Regen kaum mehr gangbar waren. So kamen die ersten Soldaten schon auf dem Weg zur Front zu Tode. Am 24. Oktober 1917 begann die Schlacht nach einem gewaltigen Vorbereitungsfeuer der Artillerie. Die Truppen der 14. Armee durchbrachen die italienischen Linien von Flitsch/Bovec bis Tolmein/Tolmin. Im Schlachtverlauf kam dem W.G.B. eine besondere Bedeutung zu. Im Verbund mit den anderen Einheiten gelang es dem W.G.B. in die italienischen Linien einzudringen und besetzte Schlüsselpositionen. Nur zwei Tage nach Beginn des Durchbruchs der Isonzofront nahmen die Schützen der 2. Kompanie im Verbund mit anderen deutschen Truppen den Mt. Matajur. Der Matajur war der alles überragende Eckpfeiler der Italienischen Front im Tolminer Gebiet. Mit seiner Einnahme stand der Weg in die venezianische Tiefebene offen für die 14. Armee. In den folgenden Wochen drang die Offensive bis an den Piave vor. 

Emil schrieb auf der Fahrt von der Heimat in das Aufmarschgebiet der 14. Armee während eines Aufenthaltes in Villach eine kurze Karte an seine Freundin Elise. Aufgrund der enthaltenen Informationen wurde sie jedoch von der K.u.K. Zensurstelle 1 in Klagenfurt zurückgehalten und erst am 27.10.1917, also nach Beginn der Schlacht transportiert. (Siehe auch Ein Lebenszeichen)

 

FELDPOSTKARTE an Elise 16.10.1917

 

16. Okt. 17 Morgens 10 Uhr

L. E.

Bin ein fahrender Gesell, kenne keine Sorgen, labt mich heute der Felsenquell, tut es Rheinwein morgen!

Wir sitzen immer noch gemütlich am alten Platz und betrachten durch das Fenster die vorbeifliegenden Landschaften.

 

Viele Grüße von Schütze Emil Rauch W.G.B. Transportzug No. 30221.

Rechts Schütze Anton Lang, links Emil Rauch. Sammlung Isonzofront.de
Rechts Schütze Anton Lang, links Emil Rauch. Sammlung Isonzofront.de

Während des Aufenthaltes hinter der Isonzofront herrschte, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, Postsperre. Die Soldaten durften keine Briefe versenden und hatten während der intensiven Vorbereitungszeit für den Angriff wohl auch nicht die Zeit und die Muße ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Daher ist auch von Emil keine Korrespondenz aus diesen Tagen vorhanden. Erst nach dem erfolgten Durchbruch nahm er sich die Zeit einen Brief an Elise zu schreiben. Der Brief ist leider nicht vollständig erhalten. Emil wurde nach den ersten Tagen der Schlacht zum Stab der Deutschen Jägerdivision versetzt und nahm in den folgenden Wochen nicht aktiv an den Kampfhandlungen des W.G.B. teil. Seine knappen Worten werden den Strapazen vor und während der Kämpfe nicht gerecht, lassen sie aber erahnen. Am zweiten Tag des Angriffs fiel sein Kamerad Anton Lang bei der Erstürmung des Mt. Kuk, mit dem er sich noch kurz vor dem Abmarsch in Isny ablichten ließ. Besonders interessant ist, dass er die Verleihung des "Pour le Mérite" an seinen Oberleutnant und Kompanieführer erwähnt. Kompanieführer der 2. Komp. des W.G.B. war im Oktober 1917 der junge Oberleutnant Erwin Rommel, welcher in späterer Zeit noch bis zum General-Feldmarschall aufsteigen sollte. Bei dem erwähnten Major handelt es sich um den Bataillonskommandeur Theodor Sproesser.

Der Isonzo im Becken von Tolmein. Im Tal die 1. Linie der Italiener, auf dem Bergkamm die Hauptstellung. Sammlung Isonzofront.de
Der Isonzo im Becken von Tolmein. Im Tal die 1. Linie der Italiener, auf dem Bergkamm die Hauptstellung. Sammlung Isonzofront.de

...was kann ein Soldat im Krieg Gutes und Angenehmes verlangen. Erst hatte ich viel Urlaub, wo ich immer meine Liebste finden konnte und das ist bekanntlich neben dem Essen das kostbarste Kleinod auf Erden für jeden Soldaten. Im Feld war das Ding natürlich anders. Anfangs immer Regen und bei Nacht marschieren. Einmal marschierten wir von Abends 7 Uhr bis Morgens 9 Uhr ohne eine Minute Pause, da glaubten wir, das sei viel, aber es kam schlimmer. Vom 24. Oktober bis 2. November jeden Tag von Morgens bis Abends immer hinter den Italienern her, nichts als Stürmen und Kugelpfeifen. Die ersten 3 Tage waren wohl die schlimmsten. Da blieb Mancher tot liegen und Mancher kugelte getroffen den Abhang hinunter. Am 2.,3. und 4. Nov. mußten wir warten bis ein Steg über den Kilometer breiten Tagliamento fertig war. Doch jetzt ging es wieder ins Gebirge und drauf los. Einmal hatten wir von Morgens 8 Uhr bis anderen Abends 6 Uhr immer fort kaum 3-4 Stunden Rast. Immer bergauf und bergrunter und immer Regen. Da konnte man so richtig sagen: "Wir gehen Bergauf Bergab". Da sieht man erst was der Mensch aushält.

Soldaten des W.G.B. auf dem Vormarsch über einen Gebirgsfluss. Aufnahme aus dem Nachlass E. Rauch. Sammlung Isonzofront.de
Soldaten des W.G.B. auf dem Vormarsch über einen Gebirgsfluss. Aufnahme aus dem Nachlass E. Rauch. Sammlung Isonzofront.de

 Daß man da alles Entbehrliche wegwirft ist selbstverständlich. Doch es kommen auch wieder bessere Tage. Immer einige Bessere und dann wieder Schlimmere. Gerade so war es mit dem Essen. Verluste hatten wir immer viel und darfst nicht glauben, daß unser Oberleutnant und der Major beide den Orden Pour le Mérite umsonst erhielten (den höchsten deutschen Orden) den sonst nur Flieger und die besten und tüchtigsten Generäle erhalten (unser General hat ihn auch nicht). Die Schützen erhielten die meisten des Eiserne Kreuz. Wäre ich nicht weggekommen so hätte ich es jetzt auch erhalten. Doch es ist mir so lieber, jeden Tag kommt die Kunde, daß wieder Kameraden gefallen sind. Auch der kleine dicke, der damals bei Neuburgen war ist neulich samt seinem Bruder von einer Granate gefallen. Du siehst also, daß es mir im Jahr 1917 nicht schlecht gegangen ist und wenn es im kommenden Jahr nicht schlimmer kommt, bin ich wohl zufrieden. Die Kerze ist bald gar, sei also vielmals gegrüßt von Deinem Emil.

O, ich hätte noch vieles zu schreiben.

Der Roman "Wir zogen nach Friaul" von Helmut Schittenhelm erzählt die Erlebnisse einer Kompanie des W.G.B. während des Italienfeldzuges aus der Sicht des Schützen Schittenhelm. Darin enthalten sind auch einige der seltenen Fotografien des W.G.B. während der 12. Isonzoschlacht. Das Buch kann man noch für kleines Geld antiquarisch erwerben und bildet eine gute Ergänzung zu den sachlich/taktischen Schilderungen Rommels in seinem bekannten Werk "Infanterie greift an".

Bei dieser Karte handelt es sich um eine italienische Armee-Feld-Post-Karte die er sich wohl aus dem zurückgelassenen Material der ital. Armee angeeignet hat.
Bei dieser Karte handelt es sich um eine italienische Armee-Feld-Post-Karte die er sich wohl aus dem zurückgelassenen Material der ital. Armee angeeignet hat.

Die nächste Karte schrieb er an seine Eltern. Bemerkenswerter Weise benutzte er dazu eine vorgedruckte Standartpostkarte der Italienischen Armee. Die deutschen Soldaten bedienten sich aus den zurückgelassenen Beständen der Italiener. Durch den unerwartet schnellen Vormarsch waren die Einheiten von ihrem eigenen Nachschub abgeschnitten und gezwungen sich selbst mit allem notwendigen zu Versorgen.

 

Im Gebirge, Ende November 17

Meine Lieben!

Bin gesund und wohl, was ich von euch allen auch hoffe. Post hab ich noch keine erhalten. Pakete gelangen nicht zu uns.

Viele Grüße Euer

Emil

Der aus ital. Patronen gefertigte Füller. Sammlung Isonzofront.de
Der aus ital. Patronen gefertigte Füller. Sammlung Isonzofront.de

Am 06. Dezember 1917 schrieb Emil wieder an Elise. Er befand sich in Belluno hinter der Front und die Versorgungslage der deutschen Truppen schien sich organisiert zu haben. Erste Aufräumarbeiten waren geschehen und zu Emils Unmut war es nicht mehr jedem gestattet zu plündern wie zu Beginn der Offensive. Seiner Liebsten schickte er ein Nikolausgeschenk nach Hause. Dabei handelte es sich um einen Füller aus italienischen Patronen gefertigt. Solche Grabenarbeiten (Trenchart) verkauften gefangene italienische Soldaten gern an die Deutschen um sich etwas Geld oder andere Vorteile zu verdienen. 

Belluno im Dezember 1917. Sammlung Isonzofront.de
Belluno im Dezember 1917. Sammlung Isonzofront.de

Belluno, 6. Dez. 1917

Liebe Elise!

 

Zum 2. Male bin ich hier im Quartier. Zwar hört man diesmal nur noch fernen Kanonendonner und die fußhoch auf den Straßen und im Graben liegenden Glasscherben und sonstigen Gegenstände sind meistens beseitigt doch geht es auch so ganz gut. Der einzige Fehler ist nur der, daß man nicht mehr in jedes Haus hineinlaufen darf, um zu holen was man will. Ich bin beim Divisionsstab der Deutschen Jägerdivision als Fahrer. Wie lang ich hier bleiben darf, weiß ich nicht, vielleicht bis Morgen, vielleicht ein ganzes Vierteljahr. 

Gegenwärtig hört man da und dort vom Frieden sprechen. Hier weiß niemand nichts genaues.

Liebes Lieschen!

Was hat auch der Klaus gebracht? Hoffe, daß Du zufrieden bist. Leider blieb der Brief halbgeschrieben 2 Tage liegen, heute ist der 8. Dezember und Morgen kommt er erst weg, bis er Dich erreicht ist bald Weihnachten und davon das nächste mal. Viele 1000 Grüße an dich und deine Angehörigen. Gute Nacht! Schlaf wohl!

 

Dein Emil

Den nächsten Brief schrieb er am 12. Dezember 1917. Weihnachten stand vor der Tür und man spürt die Sehnsucht nach der Heimat in seinen Worten. Am Ende des Briefes erzählt er von einer Anekdote welche die Nöte der Soldaten sehr gut wiederspiegelt. Alles was sie besaßen trugen sie immer bei sich und eben diese persönlichen Gegenstände gingen ihnen immer wieder verloren und waren nur schwer zu ersetzten in einem fremden Land.

 

Im Felde, 12. Dez. 1917

Liebes Lieschen!

 

Nach getaner Arbeit will ich dir geschwind das versprochene Briefchen senden.

Liebes Lieschen! Das Weihnachtsfest ist nicht mehr weit und bis dich dieses Gesudel erreicht ist es vielleicht schon vorbei. Schon das 4. Kriegsweihnachten. Vom 1. verspürte ich ja nicht viel. Anders vom 2. Male. Wir waren in Grand Pre in einer Scheuer einquartiert. An einem Balken hatten wir ein Bäumchen befestigt, behangen mit allerlei Liebesgaben. Das letzte Mal war ich daheim und mein einziger Kummer war mir, daß du nicht einmal Zeit fandest, einmal in unsere Stube mit einzustimmen in die Weihnachtslieder. Wo und wie ich Weihnachten diesmal feiere weiß ich selbst noch nicht. Hoffentlich bringt auch diesmal das Christkind den Frieden, damit man wieder nach Herzenslust singen könnte: "Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!" Ja, wenn nur alle Menschen eines guten Willens wären, vielleicht hätten dann die Menschen auch den Frieden. Aber wie im kleinen, so ist es auch im großen! Also ich wünsche dir und Deinen Angehörigen vergnügte Feiertage und hoffe, daß du diesmal auch den Weg nach Ölkofen findest! 

Liebes Lischen!

Muß Dich noch um etwas bitten! Im Gebirge hatte ich schon längere Zeit ein Tragtier zu führen und zu versorgen (ein Maulesel), beladen mit einem Maschinengewehr. Natürlich lud ich meinen Rucksack auf den langen Märschen auch darauf. Aber, oh weh, dem Esel ging es auch wie manchem Schützen und manchem Esel. Auf einem Schmalen Fußweg (wenn man so sagen kann) ein Fehltritt und der Esel lag mit zerschmetterten Gliedern tief unten in der Schlucht. An ein holen war nicht zu denken. Um die Sachen all war es mir nicht groß bange, die könnte man ja überall wieder haben, aber das Gebetbuch, ich kann nicht Italienisch! Den Rosenkranz, Deine Fotografie und so weiter hatte ich glücklicherweise in der Tasche. Sei also so gut und schicke mir in meiner Not ein kleines Gebetbüchlein in einem Feldpostbrief, da wir keine Pakete erhalten. Gute Nacht!

 

Gruß Dein Emil

Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 1917, schrieb er nach Hause zu seiner Familie. Zuvor hatten ihn umfangreiche Liebesgaben und Briefe aus der Heimat erreicht. Die Familie berichtete ihm vom heimischen Vieh und den lokalen Neuigkeiten. Die Feldpost funktionierte nun auch in den besetzten Teilen Italiens. 

Soldaten des W.G.B. sitzen an einem friaulischen Kamin. Sammlung Isonzofront.de
Soldaten des W.G.B. sitzen an einem friaulischen Kamin. Sammlung Isonzofront.de

20. Dez. 1917

 

Meine Lieben!

 

Erhielt heute von euch Pakete mit Wurst, Butter, Zucker, Fleisch und Tabak. Alles war noch gut erhalten, sogar der Braten. Nach Butter und Tabak hätte ich noch mehr Verlangen, da wir gegenwärtig Hunger haben. Gleichzeitig erhielt ich auch 4 Briefe vom 25. Nov., 4. Dez., 5. Dez. und 12. Dez.. Für alles erhaltene tausendmal Dank. Natürlich kann ich nicht jede Einzelheit beantworten. Zusel und Flora freuen mich in weiter Ferne mehr, als meine 2 Böcke in der Nähe, doch bin ich auch mit ihnen zufrieden. Einen Anzug brauch ich noch nicht, ich hab ja einen, so schnell wird es mit dem Frieden nicht gehen. Zum neuen Jahr wünsche ich Euch allen in und um das Haus Gesundheit und ein langes Leben. Ganz besonders wünsche ich Vater und Mutter daß Sie noch viele und ungetrübte Jahre verleben mögen. Aber auch Maria, Anna und Bruder Eugen wünsche ich dasselbe. Otto und Johan dürfen hoffentlich im Jahr 1918 gesund in ihre Heimat zurückkehren. Von Johann erhielt ich bis heute keine Antwort. Von mir kann ich nur Wohlsein berichten. Wenn es mir bis an das Kriegsende geht, wie bisher, kann ich zufrieden sein, der Kopf steht ja noch am alten Fleck. Was in der Zeitung kommt braucht ihr nicht zu schreiben, da ich ja jetzt den Oberländer bekomme. Es scheint, als habe die Post auf einmal meinen Namen gefunden. Lang von Ennetach treffe ich fast jeden Tag, er ist auch beim Stab als Radler.

Seid nun alle herzlichst gegrüßt von Eurem stets dankbaren Sohn und Bruder Emil

 

Jetzt weiß ich auch wieder, daß ich noch eine Heimat hab.

Flaggenwinkerabzeichen, Edelweiss, Karpathenkorpsabzeichen, Knöpfe und ein Ring mit dem Monogramm WGB aus dem Nachlass des Schützen Rauch. Sammlung Isonzofront.de
Flaggenwinkerabzeichen, Edelweiss, Karpathenkorpsabzeichen, Knöpfe und ein Ring mit dem Monogramm WGB aus dem Nachlass des Schützen Rauch. Sammlung Isonzofront.de

Den ersten Brief im Jahr 1918 schrieb Emil am 20. Januar an seine Eltern. Briefpapier schien immer noch Mangelware zu sein, denn er verfasste ihn auf einem Briefbogen des Hotel Doriguzzu Belvedere in Feltre, welches heute noch existiert. Die Versorgungslage hatte sich offensichtlich wieder verschlechtert denn er schrieb von Hunger und Entbehrung. Seine Hoffnung auf einen baldigen Frieden hatte er wieder einmal aufgegeben.

 

Meine lieben Eltern und Geschwister!

 

Endlich komme ich dazu, euch wieder zu schreiben. Hoffe, daß Ihr alle gesund und munter seid. Von mir kann ich auch nur Wohlsein berichten. Letzte 10 Tage ging es so ziemlich drüber und drunter mit der Arbeit. Den Brief vom Vater hab ich mit Dank erhalten. Jetzt wird es im Ross und Saustall wohl leer sein. Hoffentlich geht es gut im Rossstall, es wachsen ja wieder andere. Mit Frieden ist es wieder einmal nichts.

Mit der Post bin ich zur Zeit nicht ganz zu frieden. Ich schrieb schon lange um ein Feuerzeug, hab aber bis heute noch keines erhalten. Streichhölzer hab ich kein einziges mehr seit ich beim Stab bin und kaufen kann man nichts. Pakete hab ich im Jahre 1918 auch noch keines erhalten. Ebenso wenig das Weihnachtspaket. Die Verpflegung ist hier nicht schlecht, aber zum sattessen viel zu wenig und zum verhungern zu viel. Ich möchte auch nur einmal wieder Brot genug essen. Ich bin zur Zeit in einer feinen Villa, aber was nützt mich das, wenn ich nichts zu essen hab. Wein kann man kaufen auch Schnaps, dann ist es aber Schluss. Als wir im alten Lager gingen, war es dort streng Winter und hier pfeifen längst die Staren, vor dem Haus stehen Palmen, so groß wie Eure Obstbäume und im Garten ebenso hohe Bambusstauden.

Nun ich will ja gern zufrieden sein, wenn ich nur lange meinen Posten behalten darf. Gestern sandte ich wieder ein Paket weg mit einer Unterjacke.

In der Hoffnung, daß ich bald ein Paket erhalte Grüßt euch alle Euer stets dankbarer Sohn und Bruder

 

Emil. 

Am 10. Februar schrieb Emil an seine Elise, noch immer auf dem Briefpapier des Hotels aus Feltre. Er hielt sich in Slavons auf und berichtet vom Besuch bei seiner Kompanie und von seiner Freude über das Weihnachtspaket, welches ihn in seiner Abwesenheit mit einer ordentlichen Verspätung erreichte. Emil berichtet zudem von einem Mädchen, dass beim W.G.B. diente. Dabei handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Senta Maria Hauler. Sie war die Tochter eines österreichischen Offiziers und hatte sich als der Schütze Wolf Hauler ausgegeben. Sie diente dem Bataillon während des Italienfeldzuges als Dolmetscherin und blieb selbst nach ihrer Enttarnung beim Bataillon bis sie im Dezember 1917 bei einem Gasangriff schwer verwundet wurde. Die Anwesenheit einer Frau beim Bataillon hatte unter den Soldaten für allerhand Gesprächsstoff gesorgt und sicher hörte auch Emil von dieser Kuriosität während seines Aufenthaltes bei der Kompanie. Er verarbeitete diese Anekdote dann wohl mit etwas erzählerischer Freiheit in seinem Brief an Elise.  

Die Dolmetscherin Senta Maria Hauler alias "Schütze Wolf Hauler" sitzend mit einem weißen Kruez markiert kurz vor ihrer Verwundung.
Die Dolmetscherin Senta Maria Hauler alias "Schütze Wolf Hauler" sitzend mit einem weißen Kruez markiert kurz vor ihrer Verwundung.

Liebe Elise!

 

Heute am Fastnachtssonntag will ich nicht versäumen, Dir zu schreiben.

Heute morgen war ich auf Läusejagd. Weil es nun gerade Sonntag war und der Arbeitseifer klein, dachte ich, gehst einmal wieder heim zur Mutter (meine Kompanie). Flugs setzte ich mich aufs Rad und auch "Marko" durfte mit. Ich wollte mir dort neue Hosen und Schuhe holen, da ich schon über 3/4 Jahr keine Deutschen mehr habe. Neues gab es bei der Kompanie nicht viel, ebenso auch keine neuen Hosen und Schuhe. Eines freute mich doch, beim W.G.B. ist nämlich ein Soldat 17. Jahre alt, ein lockiges Mädel, wie Du auch nur kurzgeschnittene Haare und in Uniform. Wie ich diesen Soldaten sah, freute ich mich wirklich, war es doch wieder nach langer Zeit, daß ich dich das letzte mal sah. Wie ich heim kam, sollte ich mich noch mehr freuen. In großem Umfang lag auf dem Tisch, das Weihnachtspaket von der Liebsten, ferner 1 Brief vom 7. Febr. eine Karte vom 6. Febr. und eine Karte vom 25. Nov. 17, ein Brief von Andreas Irmler, ein Paket von daheim und der Oberländer vom 7. Februar. Also wieder allerhand auf einmal. Wo sollte ich da anfangen. Also erst erledigte ich deine lieben Karten, dann den Brief. Nun, Liebchen sag mir leise, was ist dir über die Leber gelaufen, daß du manachmal nicht den Humor hast zu schreiben? Wenn ich helfen kann, ich tue es, sei es auch was es wolle. Nun kam das Weihnachtspaket. Ja was da nicht alles drin war. Erst kam ein Tannenzweig zum Vorschein, dann Zigaretten, dann Leckereien, Zucker, Wurst und Äpfel (das einzige was kaputt war) und Briefpapier. Das Wichtigste hätte ich noch bald vergessen, den schönen Brief. Wer hat dich denn so das Backen gelernt? Wo bringst Du überhaupt das weiße Mehl her? Sicher hast Du es gehamstert, aber wo, wenn ichs nur wüßte! Könnte ich auch dorthin in die Lehre gehen? Würde später auch gern solches mahlen. Nun das Paket ist ja schön und von Dir gut gedacht und ich weiß, daß es nur die Liebe so fein zusammen richten kann, aber, es ware mir lieber, ich hätte bloß den Brief, der darin enthalten war. Brauche ja weiter nichts drüber schreiben.

Also für alles von Deiner lieben Hand erhaltene besten Dank. Auch danke ich vielmals für die Grüße von deinen Angehörigen. Sei nun für heute tausendmal gegrüßt von Deinem dir stets treuen

 

Emil.

Die letzte Feldpost aus Italien schrieb Emil am 13. Februar 1918 an Elise. In seinem Brief erinnert er sich an die vergangenen Kriegsjahre und seine Erlebnisse. Man merkt ihm das Heimweh an und er hofft auf eine baldige Rückkehr in die Heimat. Den letzten Halt gibt ihm sein Glauben in dieser schweren Zeit und er gewährt dem Leser einen Einblick in seine Gedankenwelt.

Blick auf das Piavetal im Februar 1918. Sammlung Isonzofront.de
Blick auf das Piavetal im Februar 1918. Sammlung Isonzofront.de

Liebe Elise!

 

Heute, am Aschermittwoch bin ich gerade 1000 Tage Soldat. Will den Tag nicht vorübergehen lassen, ohne meiner Liebsten zu gedenken.

Schon sind 1000 Tage verfloßen, daß ich des Kaisers Rock mit dem bequemen Civil vertauschte. Ach, ich meine es wären erst 8 Tage und doch, wie unendlich lang. Ach, ich erinnere mich nur zu gut, wie ich und mein Alterskollege Hans zum Dorf hinausfuhren und den Eltern und Geschwistern "Lebe wohl" sagten. Lustig sangen wir noch, ohne ernst daran zu denken: "Und sehen wir einander niemals wieder, so hoffen wir auf jenes bessere Land!" Schon längst ist es bei Hans eingetroffen, er ist schon bald vergessen. Er liegt in den Granatlöchern der Somme verscharrt, niemand weiß gewiß wo und ich, ich will mich hier beklagen; Oh, Tor. Wie oft ging der Tod schon mahnend an mir vorbei. Ach so Vieles hat sich inzwischen geändert und doch ist vieles gleich geblieben. Am Abend vorher konnte ich nicht anders, ich ging zu meiner Liebsten hin. Leise schlich ich mich durch den Garten und heimlich, wenn auch unerlaubt lauschte ich ihrer Stimme ließ noch einen Strauß mitlaufen und verschwand wieder im Dunkel der Nacht auf demselben Weg, den ich hingeschlichen war, ohne daß auch Marko eine Ahnung davon hatte. Ja hinaus ging es ins Dunkel der Nacht, wohin, ich wusste es selbst nicht, zu den Soldaten, in den Krieg wird es nicht mehr reichen, denn er ist ja bald zu Ende hieß es damals. Und heute?

Eben bringt mir Alfred zwei Karten von Dir. Die eine mit einem Rosenstrauß und die andere, ja da ist gar vieles drauf gemalt. Da hat der Maler den Pinsel richtig geführt zum heutigen Tage. Ulanen und Infanteristen stehen auf Vorposten. Ernst sind ihre Gesichtszüge, nicht wissend was die Nacht bringt. Doch neben ihnen steht der Herr mit hochgehaltener Rechten sagt er zu den Soldaten: Ich bin der gute Hirte!

Liebe Elise! Dies wird wohl der letzte Brief aus Italien sein, doch wo es hingeht ist nicht bekannt. Einige wollen wissen, ins Schwabenland in Ruhe. Wenn das wahr wäre! Also für die beiden Karten, ebenso für die Karte die ich heute Mittag erhielt meinen besten Dank.

Sei vielmals gegrüßt von Deinem Emil! Gute Nacht!

Noch einmal werde ich gestört, bevor ich den Brief zumache. August bringt eben das Paket mit Äpfeln, besten Dank!

Souvenirs des Schützen Rauch. Zwei Sterne vom Kragen der ital. Uniform, ein Ring aus einem Hufnagel sowie eine unbekannte ital. Medaille. Sammlung Isonzofront.de
Souvenirs des Schützen Rauch. Zwei Sterne vom Kragen der ital. Uniform, ein Ring aus einem Hufnagel sowie eine unbekannte ital. Medaille. Sammlung Isonzofront.de

Damit enden Emils Briefe aus dem Italienfeldzug. Das W.G.B. wurde zurück an die Westfront geschickt und nahm im Anschluss an den Stellungskämpfen am Hilsenfirst in den Vogesen teil. Emil kämpfte im Jahr 1918 noch auf dem Mazedonischen-Kriegsschauplatz und an der Westfront, bis im November 1918 der Krieg endete und er zu seiner Familie und Elise zurückkehren konnte. In seinem Nachlass bewahrte er viele seiner Abzeichen und Souvenirs aus dem Italienfeldzug auf. Das Karpathenkorpsabzeichen dürfe er als Geschenk während seiner Zeit bei der Deutschen Jäger Division erhalten haben, denn das W.G.B. hatte für dieses eigentlich keine Trageberechtigung. Auch das Edelweissabzeichen durfte eigentlich nur von Soldaten getragen werden welche 1915 mit dem Alpenkorps in Süd Tirol kämpften, jedoch belegen zeitgenössische Fotografien, dass es dennoch unter den Soldaten des W.G.B. weit verbreitet war.

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